Essay: Einführung

Beitrag zum Katalog „R. Hanke“, 1979 

Handzeichnung_mit_befehlender_Redner_deren_Korpus_Schattenwurf_ist Erkennen Symbol Mensch Materie karikierend mutabel unkonventionell Absurde Metapher Bildgleichnis montieren Objektkopplung Wandlung Umformung Kombinatorik Prägnanz Transformation Raumbildung Zuordnung Typisierung Imagination Gesellschaftskritik Realitätscharakter Realität Realismus karikierend mutabel unkonventionell Absurde Metapher Bildgleichnis montieren Objektkopplung Wandlung Umformung Kombinatorik Prägnanz Transformation Raumbildung Zuordnung Typisierung Imagination Gesellschaftskritik Realitätscharakter Realität Realismus
 1979_Diktat; Graphit auf Papier; 33 x 25 cm

Ausgehend von einer Vorliebe für Kandinsky und dem, was er die „große Abstraktion“ nannte, war ich in Auseinandersetzungen während meines Studiums immer mehr zu der Überzeugung gekommen, daß neben das Erleben von Bildern das Erkennen – auch in seiner logischen Bedeutung – treten muß. Ich empfand immer mehr eine Kunst für Künstler und Betrachter als sinnlos, in der sich der Künstler in einen Elfenbeinturm einschließt oder allgemein Interessierendes mit persönlicher Farb- und Formsymbolik unverständlich formuliert. Deshalb bemühe ich mich um eine Umsetzung meiner Ideen in erkennbare und deutbare Bildkonzepte.

Handzeichung_zeigt_zusammengepferchte_menschliche_Figuren_in_Schubfach Erkennen Symbol Raum Materie uniform normiert Normierung Typisierung Standardisierung Variabilität Abwechslungsreichtum Metapher Identität Umformung Transformation Erscheinungsbild Ordnung Gesamtstruktur Raster Imagination Massengesellschaft Gesellschaftskritik Realität Realismus
 1979_Ordnung; Graphit auf Papier; 26 x 23 cm

Der Gefahr der Plattitüde versuche ich durch hintersinnige Kombinationen und durch Metamorphosen zu entgehen. Dadurch, meine ich, werden meine Inhalte hintergründig, vielschichtig, nicht endgültig ausdeutbar, ohne dabei jedoch vage zu sein. Die exakte Zeichnung der Gegenstände meine ich zu benötigen, um das Doppel-, Hintersinnige glaubhaft zu machen. Der Betrachter soll das Dargestellte nicht von vornherein als Uneinsichtiges, Künstliches, Unfug abqualifizieren können. Gleichzeitig frappiert ihn die Realität von Irrealem, das sich auf die Realität bezieht.

Meine Arbeit bewegt sich inhaltlich auf zwei Gebieten, die für den Außenstehenden zwar himmelweit verschieden, wenn nicht konträr und unvereinbar zu sein scheinen, von denen ich jedoch die Erfahrung gemacht habe, daß sie sich gegenseitig ergänzen: die Beschäftigung mit Material- und Raumproblemen und das Problem „Menschschein“. Die Lösungen in beiden Bereichen haben sich inhaltlich und formal bisher gegenseitig befruchtet. Zeitlich waren formale Lösungen des ersteren im allgemeinen vor entsprechenden des zweiten – weil in ihm inhaltliche Probleme stärker zu den formalen hinzukommen und ich formal sicher sein wollte. Darauf habe ich im Ansatz schon vorhandene Lösungen des ersteren wieder weiterentwickelt, die ich anschließend mit neuen Lösungen des zweiten Bereiches kombiniert habe, usw. Und so entwickelte sich mein Thema und meine Aussageform.

Handzeichung_zeigt_Projektil_welches_Schienenstrang_bedroht Erkennen Symbol Mensch Materie Technik Maschinerie Stahl Sprengkraft Risiko Gefahr Illusion Perspektive mehrdeutig Versatzstück Metapher Zeichen Bildsprache Bildgleichnis Transformation montieren Objektkopplung Kombinatorik Assoziation Realitätscharakter Realität Realismus
 1978_Das Gewicht_1; Graphit auf Papier; 50 x 32 cm

Schon während meines Studiums war ich entgegen der in Braunschweig derzeit allgemein vertretenen Einstellung zu der Überzeugung gekommen, daß das Erkennen und damit die Erkenntnis nur relativ sein können. Was wir für richtig halten, könnte auf fehlerhaftem Sehen und damit Erkennen beruhen. Der Mensch läßt sich nun mal irritieren – bei aller Bemühung um Objektivität. Und wenn schon das Erkennen subjektiv fehlerhaft sein kann, weshalb sollte dann die darauf aufbauende Erkenntnis richtig sein? Ich glaube, daß sich für diesen Problemkreis die Malerei oder benachbarte Techniken mit ihrem umfassenden Vermögen der Darstellung von Raum und Materie am ehesten eignen.

Realitätscharakter Ölbild_zeigt_überdimensionierten_Himmel_vor_abgedeckter_Landschaft Erkennen Symbol Mensch Materie Raum Bildgleichnis Metapher Farbraum Tiefenraum Illusion Assoziation Assoziationsfeld Imagination Inspiration Intuition Interpretation Semantik Farbraum Erwartungshaltung Vision Erfahrung Wirklichkeit Bildsprache Realismus
 1973_Hoffnung; Öl auf Leinwand; 133 x 88 cm

Da es sich um ein Grundproblem handelt, suchte ich nach allgemein erfaßbaren, überzeitlichen Symbolen. Ich glaube,sie im Himmel (Raum) und Fels (Materie) als absoluter Polarität und letztem Grund der Erfahrung gefunden zu haben, die sich auch in ihren spezifischen Stimmung und Veränderung am eindeutigsten und allgemeinsten nacherleben lassen. Unter dem Einfluß des zweiten Problemkreises begriff ich die Natur jedoch immer weniger als „Ding an sich“, sondern stärker als erlebbare, gemachte und letztlich (vom Menschen) entleerte. So erklärt sich auch das immer stärker in den Vordergrund tretende Schwarz (auch als Bildgrund), das sich mit ähnlicher Bedeutung auch im zweiten Problemkreis wiederfindet. Neben diese überzeitlichen Symbole treten in neuer Zeit immer stärker Zahnräder, Rollen – einfache, von jedem erlebte Maschinenteile, deren Gewalt sogar schon sprichwörtlich geworden ist – und Schaltkreise – undurchsichtige, bestimmende Machtfaktoren.

Handzeichung_zeigt_zusammengefuegte_Teile_von_Menschen_als_Collage Erkennen Symbol Materie unkonventionell irreal hintersinnig Fiktion Zeichen Metapher Metamorphose Transformation Versatzstück Zuordnung Kombinatorik montieren Segmentierung Zuordnung Raumproblem Struktur Wahrnehmung Zeichensystem Gesellschaftskritik Realität Realismus unkonventionell irreal hintersinnig Fiktion Symbol Zeichen Metapher Metamorphose Transformation Versatzstück Zuordnung Kombinatorik montieren Segmentierung Zuordnung Raumproblem Struktur Wahrnehmung Zeichensystem Gesellschaftskritik Realität Realismus
 1979_Fügung; Graphit auf Papier; 32 x 25 cm

In meinen Zeichnungen ergab sich wie von selbst der Mensch in seiner Verstrickung in die ihn umgebende und in ihm existierende Wirklichkeit als zentrales Problem. Ich benutze selten den Menschen als Ganzes, weil das alte humanistische Ideal vom Individuum als Ganzem und Absolutem zwar für mich ihre Bedeutung nicht verloren hat, in unserer Gesellschaft aber ihren Inhalt. Der Mensch bleibt als gesteuerte Restsubstanz übrig. Diesen “Rest“ suche ich in Wesentlichem wiederzufinden – meistens sind es die Hände. Sie scheinen mir oft losgelöst vom Menschen ein unbeobachtetes und unkontrolliertes Leben zu führen – und dabei sprechen sie so deutlich, deutlicher als die kontrollierte Maske der Mimik.

r. hanke, 1979