Essay: Farb-Geschichten

Einführung in den Katalog „mehrschichtig“, 1992 von Peter Reindl

Handzeichung_zeigt_Portrait_mit_Maske_und_identischer_Maske_als_Gesicht Assoziation Zeichen Geschichte Struktur Maskenhaftigkeit auswechselbar mehrschichtig anonym doppelbödig Überzeichnung Transformation Klischee Metapher Metamorphose Substitution Normierung Illusion Zerrbild Imagination Individualität Gesellschaftskritik Zeitkritik Realität Realismus
1977_Bitte!; Graphit auf Papier; 50 x 33 cm

Der 1951 in Bad Oeynhausen geborene Maler Reinhard Hanke hat in Braunschweig (1969-73) studiert. Seine ersten Ausstellungen zeigten ihn als einen virtuosen Realisten, der durch „mehrschichtige“ Trompe-l’oeils von fast altmeisterlicher Realistik zu verblüffen wußte. Gesellschaftskritisches, der Mensch als Maske (der auch nach deren Abnahme noch lange nicht sein wahres Gesicht zeigt!), der Mensch vom Menschen bedroht, als Spielfigur unbekannter Kräfte, im Räderwerk, von undurchschaubaren Schaltplänen gesteuert und immer wieder sein unfaßbar bedrohliches Eingegrenztsein, aber auch sein Spiel mit der Fiktion, ja der mehrfach ineinander verschachtelten Fiktionen.

Handzeichung_zeigt_zusammengefuegte_Teile_von_Menschen_als_Collage Assoziation Zeichen Farbe Geschichte Struktur unkonventionell irreal hintersinnig Fiktion Symbol Zeichen Metapher Metamorphose Transformation Versatzstück Kombinatorik Segmentierung Transformation Zuordnung Raumproblem Wahrnehmung Gesellschaftskritik Realität Realismus
1979_Fügung; Graphit auf Papier; 32 x 25 cm

Um 1980 zeichnete sich aber schon in zahlreichen Blättern Hankes eine Verselbständigung zeichnerischen Strukturen ab, die seine realistische Objekttreue ganz erheblich in Frage stellte. Mehr oder weniger realistische Fragmente menschlicher Figuren beziehungsweise Bildnisfragmente vor steinbruchartigen Kulissen durchziehen sein damaliges Werk, immer häufiger vermischt mit metallischem Räderwerk von geheimnisvoller Funktion oder durchzogen von merkwürdigen Metallgestängen zum Beispiel. Innenräume entstanden von bedrückender Ausstrahlung, vergleichbar den „Carceri“ Blättern Piranesis und deren Visionen unheimlicher Folterkeller unbekannter Mächte. Vermehrt tauchten damals schon abstrakte Strichlagen in diesen Blättern auf, die an informelle Malerei denken ließen.

Nur wenige von jenen realistischen Anfängen ist heute noch in Hankes Bildern zu finden: zehn Jahre später begegnen wir scheinbar einem völlig gewandelten Bild. Gegenüber den akribischen Bleistiftzeichnungen von früher dominieren heute die Arbeiten mit Pastellkreide und überhaupt die Farbe in Hankes Bildern.

Temperamalerei_mit_Zeichen_ähnelt_durch_Zuordnung_Mensch Farbe Geschichte Struktur abstrahiert verschlüsselt mehrdeutig Abstraktionsgrad Symbol Piktogramm Transkript Transformation Umdeutung Bedeutung Assoziationsfeld Intuition Imagination Inspiration Zuordnung Information Zeichenrepertoire Zeichensystem Sinnbild Bildsprache Konzeptkunst
1989_papier_058; Kreide und Farbe auf Papier; 96 x 62 cm

In einem ist er sich dennoch treu geblieben: noch immer erzählt er kleine Geschichten – auch in seinen großformatigen Pastellen – aber nun sind es merkwürdig verschlüsselten Bildergeschichten! Farbkreuze etwa werden aus einer dunklen Zone entlang eines Kreidestrichs verschoben, oder von einem Pfeil angewiesen, wird ein kleines blaues Rechteck zu einem dunklen Schattenkreuz vor einer grauen Wand transferiert. In wieder anderen Bildern erscheinen kalkweiße Zeichen, die an Piktogrammfolgen erinnern, vor ockerfarbenen Wänden: von einem Paket zu einem gefalteten Papier sich wandelnd und schließlich nur noch weißes Viereck, das sich letztlich in weiße Winkelhäften auflöst, um dann in mehreren Stufen im Mauergrund zu verblassen u.s.w.. Kreuze und x-förmige, also diagonal gekreuzte Striche sind Beispiele von solchen Zeichen, die – obwohl von größter Einfachheit und formaler Schlichtheit – eine unerhörte Vieldeutigkeit anklingen lassen: seien sie nun aus mathematischen oder literarischen Zeichensystemen, ohne auch nur von ihren symbolischen beziehungsweise allegorischen Assoziationsfeldern zu sprechen, die vom Kulturgeschichtlichen bis in Religionsgeschichtliche reichen.

Pastellzeichnung_zeigt_Rastersystem_aus_Kreisen_erinnert_chemisches_Modell Zeichen Farbe Geschichte standardisiert unkonventionell Normierung Variation Code Chiffre Bildzeichen Kombinatorik Relation Imagination Assoziationsfeld Bedeutung System Strukturalisierung Zeichensystem Zeichenrepertoire Stereotyp Denkmuster Raster System Realitätscharakter
1994_papier_003; Kreide und Farbe auf Papier; 86 x 58 cm

Was sie uns erzählen? Es sind auf den ersten Blick keine menschlichen Tragödien, aber es sind Strukturen solcher Geschichten, Handlungsabläufe verallgemeinern die ehemals spezifische Geschichte auf ihr bloßes Abfolgeschema. Gemeimnisvolle Lichter und Schatten lassen die Bildfläche zur Handlungsbühne werden. Graphische Linien und farbige Flächen sind jetzt die Hauptakteure selbst, sie haben die Rolle des dienenden Mediums aufgegeben, das die menschlichen Tragödien nur unmittelbar abzubilden sucht – und dabei nur allzuleicht für undurchsichtige Manipulationen mißbraucht werden kann.

Temperamalerei_zeigt_unterschiedliche_Zeichen Assoziation Farbe Geschichte Struktur mehrdeutig transzendent Abstraktionsgrad Kreuz Symbol Transkript Bedeutung Assoziationsfeld Imagination Inspiration Intuition Semantik Kombinatorik Zuordnung Information Sprachbild Zeichenrepertoire Zeichensystem Sinnbild Bildsprache Konzeptkunst
1989_papier_056; Kreide und Farbe auf Papier; 106 x 72 cm

An anderer Stelle begegnen wir stillleben-artigen Aufbauten mit Krügen vor Fruchtkörben und den leuchtenden Farben frischer Früchte. Dies Zonen leuchtender Farbkraft sind höchst sparsam eingesetzt, wie kostbare Juwelen vor denen meist weniger auffälligeren Hintergrundflächen, die aber gerade dadurch ihre je eigene Qualität erhalten. Das Auge wird durch die Signalwirkung der Primärfarbe erst für die keineswegs spannungslosen Raumstrukturen sensibilisiert.

Temperamalerei_zeigt_eine_übermalte_Fläche_mit_Reste_von_Zeichen_vor_Himmel Farbe Geschichte Struktur mehrschichtig mehrdeutig Abstraktionsgrad Symbol Transkript Transformation Umwandlung Umdeutung Semantik Konnotation Assoziation Intuition Imagination Inspiration Interpretation Information Zeichenrepertoire Zeichensystem Konzeptkunst
1992_papier_089; Farbe auf Klebestreifen und Papier; 101 x 52 cm

Hin und wieder taucht so etwas wie eine primärfarbige Horizontlinie auf oder ähnliche Andeutungen einer räumlichen Situation, obwohl es sich bei genauerem Zusehen doch nicht so verhält. Insgesamt sind es Bilder, die dem Betrachter einen unerschöpflichen Reichtum an Assoziationen anbieten. Von theatralischen Auftritten in hochaufschießenden Architekturen über das Rund von Zirkusarenen bis zum Einblick in einsame Klosterzellen – alles wird in diesen Bildentwürfen durch malerischen Gestus und Farbsatz angedeutet und dem Betrachter die Möglichkeit gelassen, all diese Geschichten für sich selbst in diesen Bildformeln wiederzufinden.

Temperamalerei_aus_gerasterten_Kreisen_erinnert_an_Sterne Zeichen Farbe Geschichte Struktur reduziert Abstraktionsgrad Derivat Variation Chiffre Stereotyp Typisierung Modifikation Umdeutung Transformation Farbraum Transkript Fantasie Einbildung Intuition Assoziation Semantik Imagination Intuition Zeichensystem Reflexionsebene Konzeptkunst
1994_papier_062; Tempera und Buntstift auf Papier; 57 x 97 cm

Obwohl düstere, meist lavierte Farben, von Grau bis fast Schwarz und Erdfarben von Ocker bis Umbra, die in diesen neuen Arbeiten Hankes überwiegen, entbehren sie nicht kräftige Farbakzente. Mit Pastellkreiden gesetzte leuchtende – oft primärfarbige – Kleinflächen und häufig bildbestimmende Linien, die an unbeholfene Kinderhände erinnern, setzt Hanke gleichsam Zitate naiver Kunst ein. Auch scheinbare Annäherungen an kindliche Malweisen nutzt er erfolgreich, um in seinen kultivierten Farbräumen auf diese Weise die Ursprünglichkeit und zugleich Allgemeinverbindlichkeit seiner Bildmittel noch zu steigern.

Temperamalerie_zeigt_quadaratische_Module_zu_Gesicht_umgeformt Zeichen Farbe Geschichte Struktur Variabilität Abstraktion mehrdeutig Abstraktionsgrad Transkript Transformation Wandelbarkeit Umdeutung Semantik Konnotation Assoziation Intuition Imagination Inspiration Interpretation Information Zeichensystem Realitätcharakter Konzeptkunst
1992_papier_153; Tempera und Pastellkreide; 101 x 52 cm

Es ist ihm so gelungen, eine außerordentlich einfache, sowohl kultivierte und verbindliche Bildsprache zu entwickeln als auch eine eigentümlich individuelle Welt von großer Vielfalt zu entwerfen. Hanke entschied sich sehr bewußt für diesen neuen Weg, weil er ein wesentliches Merkmal der Malerei darin sieht, „Nicht-Begriffliches“ auszudrücken; „Das Denken in abstrakten Zeichen“ erkennt Hanke ausdrücklich „auch in der Kunst – als das eigentlich Realistische“ in unserer Zeit!

Durch den Verzicht auf Gegenständlich-Begriffliches entgeht er Vergleichen zu Karikatur oder Genremalerei; er entgeht damit auch dem Zwang, hier als Maler gesellschaftspolitische Stellungnahmen abzugeben in einem Medium, das dafür nur wenig geeignet ist. Seine Werke schaffen seither den Rahmen nicht mehr nur für eine Geschichte, sondern bieten nun Raum für viele: allein die Phantasie des Betrachters beschränkt die Fülle ihrer Möglichkeiten.

Peter Reindl, 1992