Essay: Modelle – notiertes Denken

Beitrag zu den Katalogen „mehrschichtig“, 1992

und „zeichen-HAFT“, 2004

„Eigenartig “, meinte vor kurzem ein Betrachter, der sich mit Hankes Arbeiten auseinandersetzte, „das ist weder schön noch hässlich, das ist einfach so.“ Die überraschende Äußerung wird verständlich, beschäftigt man sich mit Hankes Denken. Bilder ergeben sich für ihn ähnlich wie für einen Wissenschaftler bei einem Vortrag, sein Tafelbild begleitet und unterstützt lediglich seine Ausführungen und dokumentiert damit eine Problemstellung. Derjenige, der den Gedankengängen folgt oder der die Zusammenhänge kennt, versteht mit Hilfe der Bilder als notierte Zeichen.

Handzeichung_zeigt_Projektil_welches_Schienenstrang_bedroht Bild Denken Zeichen Modell Kunst Serie Technik Maschinerie Material Stahl Sprengkraft Risiko Gefahr Illusion Perspektive mehrdeutig Versatzstück Metapher Tiefenraum Transformation montieren Objektkopplung Kombinatorik Assoziation Positionierung Realitätscharakter Realität Realismus
1978_Das Gewicht_1; Graphit auf Papier; 50 x 32 cm
Handzeichung_zeigt_Geschoss_gehalten_von_Umlenkrolle Bild Denken Zeichen Modell Kunst Sequenz Kugel Material Risiko Bedrohung Technik Maschinerie Illusion Versatzstück Metapher Transformation montieren Objektkopplung Kombinatorik Assoziation Positionierung Semantik Bedeutungsveränderung Bedeutungsvertiefung Realitätscharakter Realität Realismus
1978_Das Gewicht_2; Graphit auf Papier; 50 x 32 cm
Handzeichung_zeigt_Geschoss_gehalten_von_Umlenkrolle Denken Zeichen Modell Kunst Folge Patrone Sprengkraft Bedrohung Verunsicherung irreal Maschinerie Gefahr Perspektive Bildsprache Tiefenraum Transformation montieren Objektkopplung Kombinatorik Assoziation Positionierung Semantik Bedeutungsveränderung Anschauungsweise Realität Realismus
1978_Das Gewicht_3; Graphit auf Papier; 50 x 32 cm
Handzeichnung_Projektil_zerstört_sich_selbst Bild Denken Zeichen Modell Kunst Reihenfolge Geschoss Risiko irreal Technik Gefahr Illusion Perspektive mehrdeutig Metapher Bildsprache Imagination Raumveränderung Transformation Erscheinungsbild Assoziation Positionierung Semantik Bedeutungsvertiefung Anschauungsweise Realitätscharakter Realismus
1978_Das Gewicht_4; Graphit auf Papier; 50 x 32 cm
Handzeichnung_zeigt_überdimensionierte_Hand_bedroht_Schachbauer Denken Zeichen Modell Kunst existenziell Resignation Psyche Alptraum Deillusion Bildgleichnis Metapher Metamorphose Symbol Assoziation Proportionsverhältnis Imagination Fantasie Kombinatorik Figurenschema Relation Sozialkritik Gesellschaftskritik Realitätscharakter Realismus
1977_Schach-Bauer; Graphit auf Papier; 33 x 25 cm

Die Grabenkämpfe zwischen den Apologeten von Schönheit und Wahrheit und deren erbitterten Gegnern sind für ihn Probleme von vorgestern. Er versteht die Kontrahenten nicht – was lohnt es, sich mit einem Schein auseinanderzusetzen, der als solcher bestenfalls fadenscheinig geworden zu sein scheint. Und für oder gegen welche Wahrheit soll er sich einsetzen, da ihm schon der Begriff suspekt ist. Avantgarde – auch von dieser heiligen Fahne steht nur noch der Mast. Desillusioniert und skeptisch ist ihm sein eigenes Fragen geblieben, zwar vielfach gebrochen, aber eingebunden in den Prozess einer fortdauernden geschichtlichen Wirklichkeit, die von ihm eine aktuelle Stellungnahme einfordert. Für ihn entscheidend ist die zweifelnde Suche nach einer authentischen, begründeten Darstellung existentieller Fragen aus seiner aktuellen Weltsicht über die Leerstellen der Geschichte hinweg.

Handzeichung_zeigt_variabler_Scan_eines_Handabdrucks Bild Denken Zeichen Modell Kunst auswechselbar mehrdeutig digital Abstraktionsgrad Technik Vektorgrafik Version Derivat Variation Transformation Modifikation Metapher Bildsprache Assoziationsfeld Individualität Inspiration Zeichenrepertoire Realität Wirklichkeit Realitätscharakter Konzeptkunst
2002_papier_058; Tempera auf Karton vor Laserprint mit einem Scan mit Vektorgrafik bearbeitet; 100 x 70 cm

Dabei kann er auf eine lange Tradition vor allem in der deutschen, russischen und spanischen Geistesgeschichte zurückgreifen. Dessen ist sich Hanke durchaus bewusst, wenn er sich des modischen Rituals verweigert und Tradition nicht als abzuschüttelndes Zwangssystem versteht, sondern gerade in der Geschichte allgemeingültige Fragen gestellt findet, über die er mit den Mitteln seiner Zeit neu nachdenkt. Die ästhetische Erfahrung ist für ihn nicht unmittelbare Reaktion, nicht das autonome Besondere, das der Künstler in einem genialen Akt der Selbstbefreiung aus sich heraus zu schleudern imstande ist, sondern sie ist geschichtlich gewachsen und gebrochen. Jede Linie birgt in sich wirkungsgeschichtliches Bewusstsein, Vorurteile, die zu berücksichtigen sind, die er aber deshalb auch gerade benutzen kann, um seine eigene Situation kritisch zu formulieren und zu transzendieren. Dabei umgeht er die literarische Anekdote, das Zitat, das den Blick und den Gedanken eher einengt als erweitert.

Handzeichnung_zeigt_Zahlenfolge_zum_übermaltem_Kreuz_verwandelt Bild Denken Zeichen Modell Kunst Kreuzweg mehrdeutig Umdeutung Umformung Phantasie Normierung Bezeichnendes Symbol Zahl Chiffre Imagination Abstraktion Transformation Modifikation Assoziation Bedeutung Inspiration Zeichenrepertoire Realität Kombinatorik Realitätscharakter Konzeptkunst
2003_papier_020; Farbe auf Laserprint auf Papier und Karton; 100 x 70 cm

Gesucht ist das Zeichen, das aus sich Gehalt suggeriert, meditativ wirksam werden kann, den Sprung vorbereiten hilft aus sich heraus. Bereits die deutschen Romantiker wandten sich ab vom Gegenständlichen. Das Sein lag für sie Jenseits des Greifbaren, das sie allerdings trotzdem begreifen wollten. Deshalb entwickelten sie Zeichen jenseits von zu Bezeichnendem in mystisch wirkenden Kompositionen. Keine Zweifel können aufkommen, dass es sich um Bilder handelt, um Gesetztes und nicht um Derivate irgendeiner Wirklichkeit. Bereits Caspar David Friedrich gibt die Richtung an, in der weitergedacht wird: „Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten. “

Handzeichnung_zeigt_Zeichen_unendlich_und_8 Bild Denken Modell Kunst mehrdeutig Zahl Symbol Chiffre Code Transformation Umformung Umwandlung Umdeutung Konnotation Assoziationsfeld Intuition Imagination Inspiration Zuordnung Struktur Information Zeichenrepertoire Sinnbild Bildsprache Positivismus Realitätcharakter Manipulation Konzeptkunst
2001_papier_164; Tempera, Kohle, Graphit und Farbstift auf Papier; 100 x 70 cm

Friedrich durfte es so formulieren. Immerhin musste er die feinen Unterschiede, die seit Freud, Einstein und Wittgenstein die Diskussion mitbestimmen sollten, noch nicht berücksichtigen. Allerdings schwingt auch bei ihm schon ein kaum zu überhörender Zweifel an keimendem Positivismus und Fortschrittsglauben mit. „Der edle Mensch erkennt in allem Gott, der gemeine Mensch sieht nur die Form, nicht den Geist.“ Vor allem in Phasen des verstärkten geistigen und sozialen Umbruchs wird die Kunst zunehmend Mittel auf der Suche nach Erklärungsmodellen einer umfassenderen Wirklichkeit. Für die bildende Kunst hat dies als erster Wassily Kandinsky formuliert. Auf ihn fußend werden heute die Stimmen lauter, die im viel besungenen Paradigmenwechsel eine Hinwendung zu spirituellen Konzepten sehen. Es ist nicht das Sein, das unser Denken bestimmt. Das Bild, das wir im Kopf haben, das in uns gewachsen ist, bestimmt uns, unser Handeln und unsere Welt.

Temperamalerei_zerfleddertem_Barcode_mit_Blutstropfen Bild Denken Zeichen Modell Kunst Kryptografie Maschinenschrift Abstraktion Variation Bildzeichen Abstraktionsgrad Umformung Transkription Transformation Metamorphose Zeichensystem Zeichenrepertoire Konvention Informationsaustausch Botschaft Realitätscharakter Wirklichkeit Konzeptkunst
1993_papier_063; Farbe auf Papier; 103 x 47 cm

Im Informationszeitalter zu leben bedeutet nicht nur, dass die Informationen, ihr Fluss und die Paradigmen ihrer Vernetzung und Distribution zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse notwendig sind. Es bedeutet zunächst einmal, dass die Wirklichkeit an sich überhaupt nicht mehr als verfügbar gedacht wird. Sie ist nicht mehr gegeben, sondern verändert sich als Idee von Wirklichkeit in immer währenden Auseinandersetzungen. Als solche lässt sie sich aneignen und formen, ja revidieren. Hier setzt Hanke an. Seine Wirklichkeit ist die gedachte und in Zeichen gespeicherte Wirklichkeit. Allerdings sind seine Bilder von Wirklichkeit trotz einiger rätselhafter und auch verschlüsselter Zeichen nicht eine Hinwendung zu einem obskuren Mystizismus, genauso wenig, wie er mit Spiegelungen übersinnlicher oder übernatürlicher Seinsebenen arbeitet. Die Bilder notieren ein konkretes, auf der Wirklichkeit fußendes Denken. Die Bilder, die er im Kopf sieht, sind weder rational noch einfach Abbild. Sie sind bestenfalls Hieroglyphe, wenn nicht Chiffre, herüber gerettet über die Jahrtausende und gespeichert im überkommenen geistigen Erbe der Menschen.

Tableau_mit_Temperafarbe_zeigt_3_Ebenen_mit_zerrissener_Zahlenfolge Bild Denken Zeichen Modell Kunst mehrdeutig Segmentierung Symbol Zahl Chiffre Code Umdeutung Umformung Phantasie Imagination Abstraktionsgrad Transformation Modifikation Assoziationsfeld Inspiration Zeichenrepertoire Relation Ebene Realität Realitätscharakter Konzeptkunst
2002_tableau_023; Tempera auf Holz; 147 x 147 cm

Sogar die konkreten Ergebnisse der Wissenschaften entpuppen sich dadurch als bunte Blüten, entstanden aus einer Mischung aus Magie und Rationalität. „Es scheint uns, dass die Kenntnisse des sechzehnten Jahrhunderts durch eine instabile Mischung aus rationalem Wissen, von magischen Praktiken abgeleiteten Begriffen und einem ganzen kulturellen Erbe gebildet wurden, dessen Ansehen durch die Wiederentdeckung der alten Texte die Kraft einer Autorität um ein Vielfaches vermehrt hatte (…). Die Welt ist von Zeichen bedeckt, die man entziffern muss, und diese Zeichen, die Ähnlichkeiten und Affinitäten enthüllen, sind selbst nur Formen der Ähnlichkeit. Erkennen heißt also interpretieren: vom sichtbaren Zeichen zu dem dadurch Ausgedrückten gehen, das ohne das Zeichen stummes Wort, in den Dingen schlafend bliebe.“ (Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge)

Temperamalerie_zeigt_Verbindung_Verbotsschild_vor_Kreuz Bild Denken Zeichen Modell Kunst mehrschichtig mehrdeutig generalisieren transzendent Symbol Bildzeichen Chiffre Umwandlung Umdeutung Semantik Konnotation Assoziationsfeld Intuition Imagination Inspiration Kombinatorik Information Zeichensystem Sinnbild Bildsprache Konzeptkunst
1990_papier_002; Tempera und Buntstift auf Papier; 95 x 51cm
Temperamalerei_zeigt_schwarze_Sonne_auf_rotem_Himmel Bild Denken Zeichen Modell Kunst mehrdeutig reduziert Abstraktion Symbol Typisierung Konvention Umdeutung Sprachbild Transformation Transkription Überlagerung Farbraum Transkript Fantasie Einbildung Assoziation Bedeutung Imagination Intuition Zeichensystem Reflexionsebene Konzeptkunst
1996_papier_008; Tempera und Kreide auf Papier; 101 x 57 cm

Die Kunst scheint so die Zwillingsschwester der Wissenschaft zu sein. Eine Bemerkung von Antoni Tapiès ist in diesem Zusammenhang bezeichnend: „Womöglich blieb es jedoch der Kunst des 20. Jahrhunderts vorbehalten, nicht nur nachdrückliche die hohe Bedeutsamkeit jener Paradigmen zu bezeugen, sondern, wie vielfach festgestellt wurde, diese Paradigmen selbst überhaupt zu schaffen und sich um deren Verbreitung zu bemühen. Stets hat sich die Kunst in der Welt der großen symbolischen Systeme und der mystischen Erfahrungen in ihrem ureigensten Element befunden. Doch kann man heute weitergehend vielleicht noch sagen, dass die Kunst, nachdem sie durch andere Ausdrucksmittel von dokumentarischen und mimetischen Zwecken, denen sie zu bestimmten Zeiten zu dienen hatte, entbunden wurde, nun im Ausdruck der erwähnten Bilder und Symbole ihre eigentliche Bestimmung, den tiefsten Grund ihrer Existenz wiedergefunden hat. “ Symptomatisch folgert daraus Michel Cazenave, man müsse sich im klaren sein, „dass man gegenwärtig die Welt nicht denken kann, ohne sie im Prozess der Geschichte begriffen zu denken, dabei aber stets sich dessen bewusst sein muss, dass diese Geschichte zuallererst die Geschichte des Bewusstseins ist, eine Projektion der Ebene des uns tragenden Seins, gleichsam qua Umkehrung, auf die Ebene einer Meta-Geschichte, die wesentlich symbolisch ist. “

Acrylglasobjekt_zeigt_Viertelkreis_Segmente_zusammengesetzt_zum_reduziertem_Gesicht Bild Denken Zeichen Modell Kunst Transparenz Abstraktion assoziativ mehrdeutig Standardisierung Modifikation Typisierung Zahl Chiffre Umdeutung Umformung Imagination Transformation Bildsprache Assoziation Inspiration Wirklichkeit Realität Denkmodell Konzeptkunst
2004_tableau_015; Farbe und Graphit auf Acrylglas, Schatten

In diesen Zusammenhängen bewegt sich auch Hanke. Philosophie, naturwissenschaftliches Denken und die Kunst – alle drei Disziplinen sind für ihn Ausformungen des Kopfes, die Reflexionen liefern, gespiegelte Wirklichkeit, Deutungsversuche, die zwar bezogen sind auf die Welt, sie aber spezifisch verkürzen, indem sie sie interpretieren und die zu interpretieren sind, um wieder zum Leben zu kommen. Als Denkmodelle sind sie objektivierte Subjektivität und als solche frag- und befragungswürdig. Dadurch, dass die Zeichen nur gesetzt werden, das Bedeutsame nicht ausgemalt, nicht erweitert, nur erwähnt wird, Erfahrbares, Bezüge, Hintergründe fehlen, erscheinen die Arbeiten konzipiert als Suggestionen, die Bilder und Denken erst in Gang setzen sollen. Sie sind insofern nicht Erkenntnis, sondern lediglich Notierung eines auf Erkenntnis gerichteten Denkens.

Acrylglasobjekt_zeigt_normierte_Silhouette_von_Menschen_mit_überlagerten_Zahlenfolgen Bild Denken Zeichen Modell Kunst Komplexität Illusion Chiffre Variabilität Transkription Assoziation Imagination Abstraktion Transformation System Struktur Bildsprache Assoziationsfeld Semantik Inspiration Zeichenrepertoire Reflexion Realität Konzeptkunst
2016_objekt_02; Vektorgrafik mit Plotter auf Folie vor Acrylglas, Schatten; var. x var. x var. cm

Die Kunst ist somit, bezogen auf die Totalität des Seins, notwendiges Komplement zu den Naturwissenschaften, indem sie sich der Welt der Ideen und des Transzendierenden zuwendet, aber auch zum Komplement Wort, indem sie als nicht begriffliche Ausdrucksform das fasst, was sich der Begrifflichkeit verschließt. Mehr noch. Das bildhafte Zeichen reflektiert die Begrifflichkeit und weist dadurch über sich selbst hinaus. Es transzendiert das alltägliche Bewusstsein und führt letztlich zu einer Überprüfung der Wirklichkeitsbegriffe. Rationalität und auf Symbolik gründende Spekulation, für Hanke sind es zwei Seiten einer Erkenntnis, im Zeichen verschmolzen zu einer unauflöslichen Einheit, wirksam und bedeutsam für Künstler und Betrachter.

 

Temperamalerie_zeigt_quadaratische_Module_zu_Gesicht_umgeformt Bild Denken Zeichen Modell Kunst Variabilität Abstraktion Abstraktion Symbol Chiffre Zeichengruppe Transformation Umformung Umwandlung Umdeutung Konnotation Assoziationsfeld Intuition Imagination Inspiration Interpretation Struktur Information Zeichensystem Sinnbild Konzeptkunst
1992_papier_153; Tempera und Pastellkreide; 101 x 52 cm
Temperamalerei_mit_Zeilen_von_Zeichen_ergeben_chiffrierten_Text Bild Denken Modell Kunst Monotypie Zeichensystem Abstraktion Modifikation Variantenreichtum Variabilität Generalisierung Reihung Raster Ordnung Assoziation Information Inspiration Semantik Hermeneutik Schriftbild Bildsprache Erscheinungsbild Imagination Denkmuster Konzeptkunst
1996_papier_039; Tempera und Pastellkreide auf Papier; 98 x 65 cm
Pastellzeichnung_zeigt_Rastersystem_aus_Kreisen_erinnert_chemisches_Modell Bild Denken Zeichen Kunst standardisiert Normierung Variation Variabilität Code Chiffre Bildzeichen Analogie Bildsprache Denkmodell Kombinatorik Relation Konvention Imagination Assoziationsfeld System Strukturalisierung Zeichensystem Zeichen Denkmuster Konzeptkunst
1994_papier_003; Kreide und Farbe auf Papier; 86 x 58 cm
Temperamalerei_mit_Codes_Chiffren_im_Raster_in_atypischer_Semantik Bild Denken Zeichen Modell Kunst auswechselbar mehrdeutig Code Chiffre Bildzeichen Bildsprache Kombinatorik Relation Ordnung Konvention Imagination System Strukturalisierung Zeichensystem Zeichenrepertoire Realitität Stereotyp Denkmuster System Realitätscharakter Konzeptkunst
1994_papier_001; Kreide, Farbe und Kleber auf Papier; 100 x 52 cm

Von diesem Denkansatz aus öffnen sich Hankes Bilder langsam, zumindest werden einige der Mittel, die er verwendet, verständlich. Gehen wir vom Modellcharakter des Bildes aus, lässt sich nicht nur das Verhältnis von Rationalität und Spiritualität aufzeigen, auch die Bezüge zu anderen Erkenntnisformen werden deutlich. Wie ein Wissenschaftler sich nur mit ausgewählten Aspekten eines Problemfeldes auseinandersetzt, so entwickelt Hanke auch seine Bilder in mehrfacher Hinsicht struktural. Einerseits beschränkt er sich auf möglichst wenige Zeichengruppen, die er formal und damit intentional variiert, andererseits scheinen alle Elemente dieser Zeichenketten bestimmten syntaktischen Regeln zu gehorchen. Was sie zusammenhält sind keine strengen, der Mathematik ähnlichen Regeln, allgemein anerkannt und nachvollziehbar, ähnlich Naturgesetzen. Vielmehr wirkt es wie ein Mikrokosmos, dessen Gefüge in seiner Bedeutung und Funktion zwar irgendwie festgelegt, jedoch im strengen Sinne nicht formulierbar ist. Seine Bilder erscheinen wie gedankliche Analogiemodelle, deren Substrat aus den unterschiedlichsten Zeichensystemen gewonnen wird.

Eines jedoch haben alle Zeichen gemeinsam: Entweder sind sie bereits im Bewusstsein des Betrachters verfügbar, oder ihre Bedeutungen lassen sich mit Hilfe von Analogien erschließen. Zum Beispiel: eine Erdfarbe ist eine Erd-Farbe, ein freigelegter Grund ist für Hanke genau das, was es ist. So einfach und plausibel die oft spielerisch gebrauchten Analogien gebraucht werden und klingen mögen, das Spiel wird schnell in mehrfacher Hinsicht doppelbödig. Wenn Hanke augenzwinkernd behauptet, er verwende meistens durchaus gebräuchliche und bekannte Zeichen für allgemeine Seinszusammenhänge, etwa für Materie, Lebewesen oder für psychische oder existentielle Befindlichkeiten oder aber spezielle Zeichen zu Klärung logischer Relationen, so mag der Betrachter auch dieses noch dankbar als Hilfe dafür annehmen, irgendwann das Bild – wie von ihm angestrebt – „lesen “ zu können.

Auch das Zusammentreffen von Geist und Materie im Zeichen, die Befruchtung des Leblosen aus dem Zusammenschluss von individuellem Denken und manifesten Formen der Tradition mag als Prinzip noch allgemein anerkannt werden. Die Grundsätze der Hermeneutik übersteigert Hanke jedoch, wenn er behauptet, durch den Lauf der Geschichte seien uns nur noch Reste der ursprünglichen Zeichen und damit eine fehlerhafte Bedeutung präsent. Der Rest sei verschüttet, wir allerdings meinten in unserer Verblendung, von dem, was wir sähen, sei noch alles zu erkennen, weil uns in bestimmten Situationen die Bedeutungen logisch erschienen, ganzheitlich, gestalthaft. Dieses sei jedoch ein Trugschluss. Entsprechend ihrer scheinbar bekannten Ausformung belegten wir sie auch deshalb mit für uns nahe liegenden Bedeutungen. Aus diesem Grunde schichtet Hanke in eine komplizierten Prozess jeweils verschiedene Ebenen übereinander, wobei sich die einzelnen, noch erkennbaren Reste zu einer erinnerten Gesamtstruktur zu einer logische, formalen und damit sinnfällig erscheinenden Einheit, ergänzen. Damit wird die scheinbar angestrebte und für den Betrachter mühsam erkämpfte Bedeutung wieder in Frage gestellt mit dem nur wenig tröstlichen Hinweis, es sei schließlich normal, dass sich eine Gesamtbedeutung aus verschiedenen Einzelbedeutungen ergebe, die wir immerhin im allgemeinen ohne die gebotene Vorsicht in Ansehung unserer Subjektivität mit Anspruch auf eine umfassende Richtigkeit unseres Urteils träfen. Die Wahrheit, sie sei schließlich immer unsere Wahrheit.

Die Welt der Zeichen, an und für sich schon mehr als unserer Boden und fragwürdiger Besitz, wird damit in der Verabsolutierung sogar noch relativiert. Der Blick erweitert sich zwar über das gewohnt Greifbare hinaus, damit wird jedoch gleichzeitig deutlich, wie ungewohnt brüchig und mehrdeutig unser gesichertes Wissen und Denken ist.

Theodor Helmert-Corvey, 1992