Essay: Modelle – notiertes Denken

Beitrag zu den Katalogen „mehrschichtig“, 1992

und „zeichen-HAFT“, 2004

Eigenartig “, meinte vor kurzem ein Betrachter, der sich mit Hankes Arbeiten auseinandersetzte, „das ist weder schön noch hässlich, das ist einfach so.“ Die überraschende Äußerung wird verständlich, beschäftigt man sich mit Hankes Denken. Bilder ergeben sich für ihn ähnlich wie für einen Wissenschaftler bei einem Vortrag, sein Tafelbild begleitet und unterstützt lediglich seine Ausführungen und dokumentiert damit eine Problemstellung. Derjenige, der den Gedankengängen folgt oder der die Zusammenhänge kennt, versteht mit Hilfe der Bilder als notierte Zeichen.

 

Die Grabenkämpfe zwischen den Apologeten von Schönheit und Wahrheit und deren erbitterten Gegnern sind für ihn Probleme von vorgestern. Er versteht die Kontrahenten nicht – was lohnt es, sich mit einem Schein auseinanderzusetzen, der als solcher bestenfalls fadenscheinig geworden zu sein scheint. Und für oder gegen welche Wahrheit soll er sich einsetzen, da ihm schon der Begriff suspekt ist. Avantgarde – auch von dieser heiligen Fahne steht nur noch der Mast. Desillusioniert und skeptisch ist ihm sein eigenes Fragen geblieben, zwar vielfach gebrochen, aber eingebunden in den Prozess einer fortdauernden geschichtlichen Wirklichkeit, die von ihm eine aktuelle Stellungnahme einfordert. Für ihn entscheidend ist die zweifelnde Suche nach einer authentischen, begründeten Darstellung existentieller Fragen aus seiner aktuellen Weltsicht über die Leerstellen der Geschichte hinweg.

 Dabei kann er auf eine lange Tradition vor allem in der deutschen, russischen und spanischen Geistesgeschichte zurückgreifen. Dessen ist sich Hanke durchaus bewusst, wenn er sich des modischen Rituals verweigert und Tradition nicht als abzuschüttelndes Zwangssystem versteht, sondern gerade in der Geschichte allgemeingültige Fragen gestellt findet, über die er mit den Mitteln seiner Zeit neu nachdenkt. Die ästhetische Erfahrung ist für ihn nicht unmittelbare Reaktion, nicht das autonome Besondere, das der Künstler in einem genialen Akt der Selbstbefreiung aus sich heraus zu schleudern imstande ist, sondern sie ist geschichtlich gewachsen und gebrochen. Jede Linie birgt in sich wirkungsgeschichtliches Bewusstsein , Vorurteile, die zu berücksichtigen sind, die er aber deshalb auch gerade benutzen kann, um seine eigene Situation kritisch zu formulieren und zu transzendieren. Dabei umgeht er die literarische Anekdote, das Zitat, das den Blick und den Gedanken eher einengt als erweitert.

 Gesucht ist das Zeichen, das aus sich Gehalt suggeriert, meditativ wirksam werden kann, den Sprung vorbereiten hilft aus sich heraus. Bereits die deutschen Romantiker wandten sich ab vom Gegenständlichen. Das Sein lag für sie Jenseits des Greifbaren, das sie allerdings trotzdem begreifen wollten. Deshalb entwickelten sie Zeichen jenseits von zu Bezeichnendem in mystisch wirkenden Kompositionen. Keine Zweifel können aufkommen, dass es sich um Bilder handelt, um Gesetztes und nicht um Derivate irgendeiner Wirklichkeit. Bereits Caspar David Friedrich gibt die Richtung an, in der weitergedacht wird: „Den Stoff sieht jedermann vor sich, den Gehalt findet nur der, der etwas dazu zu tun hat, und die Form ist ein Geheimnis den meisten.“

 Friedrich durfte es so formulieren. Immerhin musste er die feinen Unterschiede, die seit Freud, Einstein und Wittgenstein die Diskussion mitbestimmen sollten, noch nicht berücksichtigen. Allerdings schwingt auch bei ihm schon ein kaum zu überhörender Zweifel an keimendem Positivismus und Fortschrittsglauben mit. „Der edle Mensch erkennt in allem Gott, der gemeine Mensch sieht nur die Form, nicht den Geist.“ Vor allem in Phasen des verstärkten geistigen und sozialen Umbruchs wird die Kunst zunehmend Mittel auf der Suche nach Erklärungsmodellen einer umfassenderen Wirklichkeit. Für die bildende Kunst hat dies als erster Wassily Kandinsky formuliert. Auf ihn fußend werden heute die Stimmen lauter, die im viel besungenen Paradigmenwechsel eine Hinwendung zu spirituellen Konzepten sehen. Es ist nicht das Sein, das unser Denken bestimmt. Das Bild, das wir im Kopf haben, das in uns gewachsen ist, bestimmt uns, unser Handeln und unsere Welt.

 Im Informationszeitalter zu leben bedeutet nicht nur, dass die Informationen, ihr Fluss und die Paradigmen ihrer Vernetzung und Distribution zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse notwendig sind. Es bedeutet zunächst einmal, dass die Wirklichkeit an sich überhaupt nicht mehr als verfügbar gedacht wird. Sie ist nicht mehr gegeben, sondern verändert sich als Idee von Wirklichkeit in immer währenden Auseinandersetzungen. Als solche lässt sie sich aneignen und formen, ja revidieren. Hier setzt Hanke an. Seine Wirklichkeit ist die gedachte und in Zeichen gespeicherte Wirklichkeit. Allerdings sind seine Bilder von Wirklichkeit trotz einiger rätselhafter und auch verschlüsselter Zeichen nicht eine Hinwendung zu einem obskuren Mystizismus, genauso wenig, wie er mit Spiegelungen übersinnlicher oder übernatürlicher Seinsebenen arbeitet. Die Bilder notieren ein konkretes, auf der Wirklichkeit fußendes Denken. Die Bilder, die er im Kopf sieht, sind weder rational noch einfach Abbild. Sie sind bestenfalls Hieroglyphe, wenn nicht Chiffre, herüber gerettet über die Jahrtausende und gespeichert im überkommenen geistigen Erbe der Menschen.

zeitgenössische Kunst unkonventionell Tableau abstrakt normiert mehrdeutig unbunt kontrastreich assoziativ reduziert Chiffre Code Bildzeichen Zuordnung Umformung Umwandlung Umdeutung Relation mehrdeutig Relation Interpretation intuitiv Kombination Modifikation Imagination Phantasie Inspiration SystemSogar die konkreten Ergebnisse der Wissenschaften entpuppen sich dadurch als bunte Blüten, entstanden aus einer Mischung aus Magie und Rationalität. „Es scheint uns, dass die Kenntnisse des sechzehnten Jahrhunderts durch eine instabile Mischung aus rationalem Wissen, von magischen Praktiken abgeleiteten Begriffen und einem ganzen kulturellen Erbe gebildet wurden, dessen Ansehen durch die Wiederentdeckung der alten Texte die Kraft einer Autorität um ein Vielfaches vermehrt hatte (…). Die Welt ist von Zeichen bedeckt, die man entziffern muss, und diese Zeichen, die Ähnlichkeiten und Affinitäten enthüllen, sind selbst nur Formen der Ähnlichkeit. Erkennen heißt also interpretieren: vom sichtbaren Zeichen zu dem dadurch Ausgedrückten gehen, das ohne das Zeichen stummes Wort, in den Dingen schlafend bliebe (bildbeschreibung-1992-papier-089).“ (Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge)

 Die Kunst scheint so die Zwillingsschwester der Wissenschaft zu sein. Eine Bemerkung von Antoni Tapiès ist in diesem Zusammenhang bezeichnend: „Womöglich blieb es jedoch der Kunst des 20. Jahrhunderts vorbehalten, nicht nur nachdrückliche die hohe Bedeutsamkeit jener Paradigmen zu bezeugen, sondern, wie vielfach festgestellt wurde, diese Paradigmen selbst überhaupt zu schaffen und sich um deren Verbreitung zu bemühen. Stets hat sich die Kunst in der Welt der großen symbolischen Systeme und der mystischen Erfahrungen in ihrem ureigensten Element befunden. Doch kann man heute weitergehend vielleicht noch sagen, dass die Kunst, nachdem sie durch andere Ausdrucksmittel von dokumentarischen und mimetischen Zwecken, denen sie zu bestimmten Zeiten zu dienen hatte, entbunden wurde, nun im Ausdruck der erwähnten Bilder und Symbole ihre eigentliche Bestimmung, den tiefsten Grund ihrer Existenz wiedergefunden hat. “ Symptomatisch folgert daraus Michel Cazenave, man müsse sich im klaren sein, „dass man gegenwärtig die Welt nicht denken kann, ohne sie im Prozess der Geschichte begriffen zu denken, dabei aber stets sich dessen bewusst sein muss, dass diese Geschichte zuallererst die Geschichte des Bewusstseins ist, eine Projektion der Ebene des uns tragenden Seins, gleichsam qua Umkehrung, auf die Ebene einer Meta-Geschichte, die wesentlich symbolisch ist.“

In diesen Zusammenhängen bewegt sich auch Hanke. Philosophie, naturwissenschaftliches Denken und die Kunst – alle drei Disziplinen sind für ihn Ausformungen des Kopfes, die Reflexionen liefern, gespiegelte Wirklichkeit, Deutungsversuche, die zwar bezogen sind auf die Welt, sie aber spezifisch verkürzen, indem sie sie interpretieren und die zu interpretieren sind, um wieder zum Leben zu kommen. Als Denkmodelle sind sie objektivierte Subjektivität und als solche frag- und befragungswürdig. Dadurch, dass die Zeichen nur gesetzt werden, das Bedeutsame nicht ausgemalt, nicht erweitert, nur erwähnt wird, Erfahrbares, Bezüge, Hintergründe fehlen, erscheinen die Arbeiten konzipiert als Suggestionen, die Bilder und Denken erst in Gang setzen sollen. Sie sind insofern nicht Erkenntnis, sondern lediglich Notierung eines auf Erkenntnis gerichteten Denkens.

 Die Kunst ist somit, bezogen auf die Totalität des Seins, notwendiges Komplement zu den Naturwissenschaften, indem sie sich der Welt der Ideen und des Transzendierenden zuwendet, aber auch zum Komplement Wort, indem sie als nicht begriffliche Ausdrucksform das fasst, was sich der Begrifflichkeit verschließt. Mehr noch. Das bildhafte Zeichen reflektiert die Begrifflichkeit und weist dadurch über sich selbst hinaus. Es transzendiert das alltägliche Bewusstsein und führt letztlich zu einer Überprüfung der Wirklichkeitsbegriffe. Rationalität und auf Symbolik gründende Spekulation, für Hanke sind es zwei Seiten einer Erkenntnis, im Zeichen verschmolzen zu einer unauflöslichen Einheit, wirksam und bedeutsam für Künstler und Betrachter.

  Von diesem Denkansatz aus öffnen sich Hankes Bilder langsam, zumindest werden einige der Mittel, die er verwendet, verständlich. Gehen wir vom Modellcharakter des Bildes aus, lässt sich nicht nur das Verhältnis von Rationalität und Spiritualität aufzeigen, auch die Bezüge zu anderen Erkenntnisformen werden deutlich. Wie ein Wissenschaftler sich nur mit ausgewählten Aspekten eines Problemfeldes auseinandersetzt, so entwickelt Hanke auch seine Bilder in mehrfacher Hinsicht struktural. Einerseits beschränkt er sich auf möglichst wenige Zeichengruppen, die er formal und damit intentional variiert, andererseits scheinen alle Elemente dieser Zeichenketten bestimmten syntaktischen Regeln zu gehorchen. Was sie zusammenhält sind keine strengen, der Mathematik ähnlichen Regeln, allgemein anerkannt und nachvollziehbar, ähnlich Naturgesetzen. Vielmehr wirkt es wie ein moderne Kunst unkonventionell atypisch Kunstwerk Temperamalerei quadaratisch Modul abstrahiert Gesicht Portrait normiert standardisiert modifiziert variiert unbunt Farbkontrast komplex System Bildzeichen kombiniert Metamorphose Inspiration Imagination Umdeutung Überblendung Transformation assoziativMikrokosmos, dessen Gefüge in seiner Bedeutung und Funktion zwar irgendwie festgelegt, jedoch im strengen Sinne nicht formulierbar ist. Seine Bilder erscheinen wie gedankliche Analogiemodelle, deren Substrat aus den unterschiedlichsten Zeichensystemen gewonnen wird.

Eines jedoch haben alle Zeichen gemeinsam: Entweder sind sie bereits im Bewusstsein des Betrachters verfügbar, oder ihre Bedeutungen lassen sich mit Hilfe von Analogien erschließen. Zum Beispiel: eine Erdfarbe ist eine Erd-Farbe, ein freigelegter Grund ist für Hanke genau das, was es ist. So einfach und plausibel die oft spielerisch gebrauchten Analogien gebraucht werden und klingen mögen, das Spiel wird schnell in mehrfacher Hinsicht doppelbödig. Wenn Hanke augenzwinkernd behauptet, er verwende meistens durchaus gebräuchliche und bekannte Zeichen für allgemeine Seinszusammenhänge, etwa für Materie, Lebewesen oder für psychische oder existentielle Befindlichkeiten oder aber spezielle Zeichen zu Klärung logischer Relationen, so mag der Betrachter auch dieses noch dankbar als Hilfe dafür annehmen, irgendwann das Bild – wie von ihm angestrebt – „lesen “ zu können.

  Auch das Zusammentreffen von Geist und Materie im Zeichen, die Befruchtung des Leblosen aus dem Zusammenschluss von individuellem Denken und manifesten Formen der Tradition mag als Prinzip noch allgemein anerkannt werden. Die Grundsätze der Hermeneutik übersteigert Hanke jedoch, wenn er behauptet, durch den Lauf der Geschichte seien uns nur noch Reste der ursprünglichen Zeichen und damit eine fehlerhafte Bedeutung präsent. Der Rest sei verschüttet, wir allerdings meinten in unserer Verblendung, von dem, was wir sähen, sei noch alles zu erkennen, weil uns in bestimmten Situationen die Bedeutungen logisch moderne Kunst atypisch virtuos Text Schriftbild kryptisch seriell abstrahiert Normierung modifiziert Variabilität komplex Stereotyp System Raster mehrdeutig chiffriert Bildzeichen Code kombiniert vielschichtig Relation Inspiration Imagination Umdeutung Transformation assoziativ mehrdeutigerschienen, ganzheitlich, gestalthaft. Dieses sei jedoch ein Trugschluss. Entsprechend ihrer scheinbar bekannten Ausformung belegten wir sie auch deshalb mit für uns nahe liegenden Bedeutungen. Aus diesem Grunde schichtet Hanke in eine komplizierten Prozess jeweils verschiedene Ebenen übereinander, wobei sich die einzelnen, noch erkennbaren Reste zu einer erinnerten Gesamtstruktur zu einer logische, formalen und damit sinnfällig erscheinenden Einheit, ergänzen. Damit wird die scheinbar angestrebte und für den Betrachter mühsam erkämpfte Bedeutung wieder in Frage gestellt mit dem nur wenig tröstlichen Hinweis, es sei schließlich normal, dass sich eine Gesamtbedeutung aus verschiedenen Einzelbedeutungen ergebe, die wir immerhin im allgemeinen ohne die gebotene Vorsicht in Ansehung unserer Subjektivität mit Anspruch auf eine umfassende Richtigkeit unseres Urteils träfen. Die Wahrheit, sie sei schließlich immer unsere Wahrheit.

Die Welt der Zeichen, an und für sich schon mehr als unserer Boden und fragwürdiger Besitz, wird damit in der Verabsolutierung sogar noch relativiert. Der Blick erweitert sich zwar über das gewohnt Greifbare hinaus, damit wird jedoch gleichzeitig deutlich, wie ungewohnt brüchig und mehrdeutig unser gesichertes Wissen und Denken ist.

Theodor Helmert-Corvey, 1992